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Wie viel Sitzen ist gesund?

Die wichtigsten Aussagen aus dem Interview mit Dr. Dieter Breithecker:

  • (Rücken)Schmerzen sind ein „Frühwarnsystem“ – sie zeigen, dass etwas nicht stimmt und mahnen zum Handeln. 
  • Kinder können keine 3 Minuten still sitzen, Erwachsene höchstens 20.
  • Autarke (unbewusste, selbstorganisierte) Bewegungen (beim Sprechen, Schlafen, Sitzen etc.) dürfen nicht eingeschränkt werden.
  • Faul sein ist natürlich und war früher energetisch sinnvoll – heute nur temporär tauglich.
  • Auch beim Sitzen macht die Dosis das Gift. Und die Qualität des Sitzens.
  • Passiv-statisches Sitzen macht krank: Diabetes, Depressionen, Arthrose, Krebs, Demenz, Ischialgie
  • Inaktivität ist der zentrale Risikofaktor.
  • Es muss uns gelingen, Bewegung in den Alltag zu integrieren.
  • Wir sollten höchstens sechs Stunden am Tag sitzen und den Rest der Zeit mehr Stehen und Gehen.
  • Wenn wir sitzen, sollten wir qualitativ hochwertige Sitzfunktionen nutzen.
  • Hochwertige Sitzfunktionen lassen spontane, bedarfsgerechte Positionswechsel zu.
  • Dynamisches Sitzen ist mehr als die Bewegung, die eine Synchronmechanik bietet.
  • Wichtig beim Sitzen ist eine frei fließende dreidimensionale Sitzflächenfunktion, die variable Sitzhaltungen in alle Richtungen ermöglicht.
  • Der swopper ist besser geeignet als jeder Bürostuhl, der nur eine Synchronmechanik aufweist.
  • Es gibt keinen Grund, weshalb der swopper nur als Zweitstuhl genutzt werden sollte. Im Gegenteil: Die aeris-3D-Funktion garantiert die wichtigen, autonomen Mikro- und Makrobewegungen „von innen heraus“. Dadurch bleiben wir körperlich und geistig wacher.

 

 

Dr. Dieter Breithecker

Sitzen bis der Doktor kommt?

Einmal googeln – schon hat man die passende Antwort auf nahezu alle Fragen. Das Internet scheint alles zu wissen – aber natürlich kursieren auch zahlreiche Gerüchte im Netz. Einem begegnen viele, die sich  für gesundes Aktiv-Sitzen interessieren, immer wieder: dem, dass der 3D-Aktiv-Stuhl swopper von aeris zwar großartig sei, besonders viel Bewegung möglich mache und dem Rücken auch spürbar gut tue – er aber nur als „Zweitstuhl“ geeignet sei und nicht für längeres Sitzen. 

In der Praxis wird genau das Gegenteil gelebt. Auch eine 2012 von aeris durchgeführte Umfrage unter 1.207 swopper-Besitzern bestätigt das. 65 Prozent gaben an, dass sie überwiegend auf dem swopper sitzen und keinen anderen Bürostuhl gleichzeitig benutzen. Eigentlich bräuchte jeder nur seinem Gefühl zu folgen, um zu wissen, wie lange er „swoppen“ möchte. Jede Bewegung zählt. Tut es gut, braucht man es nicht nach zwei oder vier Stunden zu stoppen.

Trotzdem wollten wir von aeris noch einmal bei einem Experten nachfragen, wie sich das mit dem langen Sitzen und dem swopper verhält und wie ungesund starres Sitzen wirklich ist. Rede und Antwort stand uns dafür der Bewegungswissenschaftler Dr. Dieter Breithecker, Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e.V. in Wiesbaden (BAG).

swopper in Blau mit Rollen

aeris: Sehr geehrter Herr Dr. Breithecker, 80 Prozent unserer Wachzeit werden aktuell vom Sitzen geprägt. Alle tun es – immer, überall und ganz automatisch. Meistens denkt niemand darüber nach – bis etwas passiert. Bis Rückenschmerzen und Verspannungen so massiv werden, dass man gezwungen ist, etwas zu unternehmen. Sitzen, bis der Doktor kommt – muss das sein oder kann man etwas tun, damit es nicht so weit kommt?

Dr. Breithecker: Per se ist es für uns erst einmal von Vorteil, wenn der Rücken Schmerzsignale sendet. Denn dadurch wird uns spürbar bewusst, dass wir handeln müssen. Besser wäre natürlich, wenn wir es erst gar nicht soweit kommen ließen. Denn unter entwicklungsphysiologischen Gesichtspunkten sind wir für ein längeres Verharren in ein und derselben Position nicht geschaffen. Regelmäßige Positionswechsel und vielseitige Bewegung – nicht unbedingt Sport und Fitness – sind für die Pflege unseres Erbgutes, also für die Qualität all unserer in der Entwicklungsgeschichte erworbenen körperlichen und geistigen Funktionen, unabdingbar. Der Grund: Jede Muskelaktivität löst komplexe Wirkmechanismen in unserem biologischen System aus. Neben einer Durchblutungssteigerung werden vor allem vielfältige molekulare Botenstoffe freigesetzt (Enzyme, Hormone und Proteine), die unsere Stoffwechselfunktionen positiv beeinflussen.

 

aeris: Ab wann fängt denn „Mangel an Bewegung“ an? Nachts befindet sich der Körper doch auch in Ruhe.

Dr. Breithecker: Das ist von vielfältigen Faktoren abhängig, wie beispielsweise dem Alter oder dem jeweiligen Versorgungsbedarf unserer biologischen Funktionen. Vor- und Grundschulkinder können beispielsweise aufgrund ihrer hochsensiblen Reifungsprozesse im Schnitt keine drei Minuten still sitzen.  Erwachsene benötigen bei einer sitzenden Tätigkeit spätestens nach ca. 20 Minuten einen deutlichen Positionswechsel. Halten wir einen engagierten Vortrag, wird dieser je nach mentalen oder emotionalen Erfordernissen durch spontane Bewegungen begleitet. Diese autonomen Bewegungen sind uns meist unbewusst, denn sie sind (aus unserem Inneren heraus) selbstorganisiert, um ein körperliches und geistiges Wohlbefinden aufrechtzuerhalten. Sie haben nichts mit Sport oder körperlicher Fitness zu tun. Selbst im Schlaf wechseln wir rund 40 bis 60-mal die Körperposition. Ein gesundes Leben besteht aus Bewegung. Sie ist die adäquate Antwort auf einen körperlichen und geistigen Versorgungsbedarf. Stillstand bedeutet Unterversorgung – und schließlich Tod. 

Man kann dies an einer einfachen Übung sehr schnell selber feststellen. Dazu stellt man sich ganz entspannt hin. Wenn man dann die Augen schließt, wird es spürbar: Man pendelt stets autonom, also nicht willentlich gesteuert, um sein Körperlot herum. Dasselbe gilt, wenn wir entspannt im Theater oder im Konzert sitzen. Nach ein paar Minuten fangen wir an, das eine Bein über das andere zu schlagen und dann wieder zu wechseln, wir rutschen hin und her … Werden diese selbstorganisierten Prozesse eingeschränkt, kommt es zu einem körperlichen und geistigen Abbau.

aeris: Wie konnte es denn dazu kommen, dass der Mensch heute in einer Welt lebt, die so stark vom Sitzen geprägt ist, dass er sich quasi permanent selber schädigt?

Dr. Breithecker: Unsere alltäglichen Tätigkeiten haben sich verändert und dadurch auch die Räume. Lern- und Arbeitsräume sind meist bestuhlt und dann lebt der Mensch das aus, was diese Einrichtungen reflektieren: Er sitzt und schont sich. Das entspricht seiner Natur, denn er ist durch die Evolution so trainiert, dass er solange mit dem Energieverbrauch sparsam umgeht, bis ihn der Hunger wieder zur körperlich anstrengenden Jagd antreibt. Da wir aber heutzutage für das Überleben nicht mehr die Jagd benötigen, fehlen uns diese körperlichen Anforderungen und das Dauersitzen wird zu einer drohenden Gefahr für unsere körperlichen und geistigen Funktionen. Sitzen wird zwar heute durch Schlagzeilen wie „Sitzen ist das neue Rauchen“ oder „Sitzen macht dumm“  stark gebrandmarkt, aber es ist wie immer: Die Dosis macht das Gift, sprich, die Sitzdauer bzw. auch die Qualität der Sitzfunktion.

Die Evolution

aeris: Sind diese Erkenntnisse neu?

Dr. Breithecker: Die Erkenntnisse haben sich aufgrund der Studienergebnisse in den letzten Jahren erweitert, speziell, was das Ausmaß des Dauersitzens auf unsere Gesundheit und die Qualität des Sitzverhaltens betrifft. War vor Jahren das Thema fast ausschließlich auf die Vermeidung von Rückenleiden durch ein orthopädisch-biomechanisch ideales Sitzverhalten fokussiert, so gehen die Erkenntnisse und Empfehlungen heute weit darüber hinaus. Sie orientieren sich am gesamten Menschen als psycho-somatischer Einheit. Passiv-statisches Sitzverhalten hat negative und krankmachende Auswirkungen auf alle körperlich-geistigen Funktionen und ist u. a. für Fettstoffwechselstörungen (u. a. Diabetes II), Depressionen, Demenz und sogar für bestimmte Krebserkrankungen verantwortlich.

aeris: Ist Sitzen also tatsächlich eines der größten Gesundheitsrisiken der Neuzeit?

Dr. Breithecker: Mit Einschränkung, ja. Aber wie bereits erwähnt, spielt die Dauer und die Art und Weise, wie wir sitzen, eine wesentliche Rolle. Der zentrale Risikofaktor ist die Inaktivität. Uns muss es gelingen, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Deshalb sollten wir – auf den Tag verteilt – die Sitz-Zeit auf maximal sechs Stunden beschränken und dabei statisch-passives Sitzen auf Dauer vermeiden. Den Rest unserer wachen Zeit sollten wir eher stehen bzw. uns mehr im Raum bewegen. 

 

aeris: Die längsten Sitz-Zeiten gibt es im Büro. Bis zu 80 % des Tages ist ein Büroarbeiter durch Sitzen „gefährdet“. Die Bürostuhlindustrie reagiert zunehmend darauf. Mit verschiedenen Konzepten für „dynamisches Sitzen“. Worauf kommt es dabei aus Ihrer Sicht an?

Dr. Breithecker: Grundsätzlich fordern die aktuellen Erkenntnisse mehr Bewegung, die in den Alltag integriert wird. Im Detail bedeutet das qualitativ, dass wir verbesserte Sitzfunktionen benötigen, die spontane sitz-dynamische Positionswechsel zulassen, und quantitativ, dass wir die Sitz-Zeit deutlich reduzieren zugunsten von Stehen und Bewegung im Raum. 

Die Bewerbung des „dynamisches Sitzens“ wird in der Zwischenzeit sehr inflationär gehandhabt und ist dadurch verwässert. Sogar eine ganz normale Synchronmechanik wird schon mit diesem Slogan beworben. Dynamisches Sitzen erfordert aber mehr und sollte eine erhöhte Variation an haltungsdynamischen Veränderungen während des Sitzens ermöglichen. Das Ziel sollte ein autonomes, komplexes Sitzverhalten sein. Komplexe und damit physiologische Sitzverhaltensweisen können aber nicht empfohlen oder vermittelt werden! Sie müssen sich auf der Grundlage individueller Bedürfnisse in Form von Mikro- und Makrobewegungen spontan und intuitiv selbst organisieren können. Von innen heraus. Um ein komplexes Sitzverhalten zu ermöglichen, sind spezielle Stuhlfunktionen erforderlich. Dreh- und Angelpunkt hierfür ist eine frei fließende und von der Synchronmechanik losgelöste, dreidimensionale (3D) Sitzflächenfunktion, die variable Sitzvariationen in den drei Dimensionen des Raums ermöglicht.

aeris: Die aeris-Stühle mit der 3D-Technologieswopper, swoppster und 3Dee – bieten nicht nur die meiste Bewegung, was Studien belegen – sondern auch die natürlichste. Und zwar durch die große Hüftbeweglichkeit, was dem natürlichen Bewegungsmuster des Menschen am nächsten kommt. Die aeris-Stühle passen sich dem Menschen an, nicht umgekehrt. Sie machen spontane und intuitive, autonome Haltungswechsel mit und behindern sie nicht, sondern fordern und fördern sie sogar. Das ist das Einzigartige an ihnen und dafür werden sie weltweit anerkannt, ausgezeichnet und empfohlen.

Manchmal wird behauptet, so könne man maximal zwei Stunden am Tag sitzen, der swopper sei also höchstens als Zweitstuhl zu sehen und ein herkömmlicher Bürostuhl sei zwingend als Hauptstuhl erforderlich. Ist das ergonomisch irgendwie zu begründen?

Dr. Breithecker: Es ist, wie bereits erwähnt, die Dosis, die entscheidet – also die Dauer des Sitzens. Und es sind natürlich die individuellen Bedürfnisse, die im Vordergrund stehen sollten. Grundsätzlich ist stundenlanges Sitzen – auch mit den besten Sitzfunktionen – nicht „artgerecht“ und sollte, wie erwähnt, häufiger unterbrochen werden. Warum es daher zu Behauptungen kommen kann, der swopper sollte lediglich als Zweitstuhl genutzt werden, erschließt sich mir nicht, zumal er – für alle, die sich dadurch besser fühlen – auch mit Rückenlehne genutzt werden kann. 

Der swopper ist auf jeden Fall besser geeignet als jeder Bürostuhl, der nur eine Synchronmechanik aufweist. Gerade das Sitzen mit der speziellen 3D-Funktion von aeris und dem dadurch „freigeschalteten“  Becken garantiert sowohl variable Mikro- als auch Makrobewegungen. Dies wiederum ermöglicht rhythmische Spannungs- und Entspannungswechsel der an der Sitzhaltung beteiligten physiologischen Strukturen. Dieses unbewusste und selbstorganisierte Sitzverhalten löst eine komplexe Wechselwirkung zwischen dem sensorischen (propriozeptiven), neuronalen und muskulären System aus. Dadurch bleiben wir körperlich und geistig alerter (wacher).

Um die physiologische Körperhaltung im Sitzen – analog zum freien Stehen – autonom zu organisieren, ist das Aufrechterhalten dieser Regelkreisläufe, die wir viele Male pro Sekunde automatisch und unwillkürlich durchführen, unabdingbar. Das ist auch der Grund, warum die BAG das aeris-Konzept der 3D-Technologie 2013 als „besonders bewegend“ ausgezeichnet hat.

Die Revolution des Sitzens